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Prof. Dr. Dr. Leo Weismantel


Leo Weismantel wurde am 10.06.1888 in Obersinn als 7. Kind der Eheleute August und Barbara Weismantel geboren. An seine Geburt erinnert ein Steinkreuz am Hartberg über dem Dorf, das die Eltern in Erfüllung eines Gelübdes für ihr erhofftes Kind hatten errichten lassen. Er starb am 16.09.1964 zu Rodalben/Pfalz nach einem Herzinfarkt und wurde an seinem letzten Wohnort in Jugenheim/Bergstraße beigesetzt.
Nach seiner Volksschulzeit besuchte er das Gymnasium der Augustiner in Münnerstadt. Anschließend studierte er an der Universität Würzburg und promovierte dort 1914 zum Dr.phil. mit einer Preisschrift über die Haßberge. Beim Studium lernte er in der Mitstudentin Luise Wetzell seine spätere Frau kennen (Hochzeit 1915).
Während des Krieges 1914/18 war Leo Weismantel als Aushilfsvertreter für einen Germanisten am Institut Adam in Würzburg tätig. 1920 siedelte er nach Marktbreit am Main über und widmete sich von da ab ganz seinem pädagogischen und dichterischen Werk.
Sein dichterischer Ruf wurde durch den 1917 erschienenen Roman aus der Rhön "Mari Madlen" begründet. Es folgten weitere Rhöndichtungen. Das Hauptwerk der Gruppe ist die sog. Rhöntrilogie "Vom Leben und Sterben eines Volkes" (1928-1932). Im ersten Band "Das alte Dorf" hat der Dichter seinem Heimatdorf Obersinn ein Denkmal gesetzt.
Von 1928 bis 1932 war Leo Weismantel Abgeordneter der christlich-sozialen Volkspartei (sog. Heller Partei) im Bayerischen Landtag - ohne Parteimitgliedschaft. Hier zeigte er besonderes Engagement in der Bildungs- und Kulturpolitik.
1928 gründete er in Marktbreit die "Schule der Volkschaft". Dieses Lehr- und Forschungsinstitut erhielt Aufträge durch den Völkerbund und das Reichsinnenministerium. Das Institut wurde 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen, und der Dichter musste Marktbreit wieder verlassen. Mit dem Jahr 1933 brach auch seine bis dahin erfolgreiche Laufbahn ab. 1936 übersiedelte er nach Würzburg.
Während der Nazizeit wurde er politisch als "Jude" und "Systemblüte" verfemt und in seinen wissenschaftlich-pädagogischen Arbeiten behindert und zweimal (1939 und 1944) inhaftiert.
Nach einem in der Haft erlittenen schweren gesundheitlichen Zusammenbruch zog er sich 1944 nach Obersinn zurück, wo er Zuflucht und Gesundung suchte. Hier fanden ihn nach Kriegsende die amerikanischen Besatzungsbehörden. Sie boten ihm das Amt des bayerischen Kultusministers an. Er wies dieses Angebot jedoch zurück - übernahm aber von 1945 bis 1947 den Posten eines kommunalen Schulrats für den Bezirk Gemünden, um seine Bereitschaft zur Mitarbeit beim Wiederaufbau zu bezeugen. 1948 bis 1951 war er Leiter des Pädagogischen Instituts in Fulda. Dort wurde er zum Professor für Deutsch und Kunsterziehung berufen.
Durch seine Gegnerschaft zur Wiederaufrüstung und seine Verständnisbereitschaft gegenüber dem Osten machte er sich nach 1950 viele Gegner. Die Entwicklung der Gegenwart bestätigt ihn jedoch in vielfacher Weise.

Öffentliche Ehrungen:
  • 1921 - Ehrenvolle Erwähnung der Kleist-Preis-Stiftung
  • 1922 - Fastenrath-Preis der Stadt Köln
  • 1948 - Ernennung zum Ehrenbürger seiner Heimatgemeinde Obersinn
  • 1958 - Willibald-Pirkheimer-Plakette
  • 1963 - Carl-von-Ossietzky-Medaille, Max-Dauthendey-Plakette und Verleihung der Ehrendoktorwürde der Humboldt-Universität/Berlin
Zum Werk Leo Weismantels:
Eine 1963 erstellte Bibliographie umfasst 120 Titel, eingeteilt in fünf Gruppen, die der Autor selbst als "die fünf Felder meines Lebens" bezeichnet hat. Es sind dies Rhöndichtungen, religiöse Schriften, Künstlerbiographien in Romanform, Bühnendichtungen und pädagogische und bildungspolitische Schriften. Dieses so verschieden orientiert scheinende Werk ist in sich vom Grundanliegen des Schaffens seines Autors her miteinander verbunden; denn in Wahrheit hat Leo Weismantel sein ganzes Leben lang hindurch nur ein einziges Anliegen beschäftigt:
"Das Gesicht der heranrollenden Katastrophe der Menschheit in allen Phasen....."
Dieses Gesicht zeichnete er in der langen Reihe seiner Romane auf. In ihnen zeigt er den Untergang der Institutionen des christlichen Abendlandes im Raum des Volkslebens (Rhöndichtungen), der Religion (Heiligenbiographien) und der Kunst (Künstlerbiographien) aus immer wieder neuem Blickwinkel.
" ... und das verzweifelte Bemühen, mich in die Schar der Kämpfer einzureihen, die der tödlichen Avantgarde des Todes sich - wenn auch ohne Hoffnung - entgegenstellt!"
Hier wurzelt das pädagogische Werk Weismantels. Es ist zu verstehen als das Bemühen eines Menschen in der Auseinandersetzung des Tages in das Geschehen einzugreifen, das sich hier und jetzt vor seinen Augen abspielt. Es dient der Vorbereitung eines Kommenden:
"Der Geburt eines neuen Säculeums."
So werden Dichtung, politisches und pädagogisches Wirken zu drei verschiedenen Formen der Auseinandersetzung mit den zerstörenden und den aufbauenden Kräften der Menschheitsentwicklung.


LEO WEISMANTEL - EIN FRÄNKISCHER POET UND PÄDAGOGE
von Arno Klönne (aus dem Mainfränkischen Jahrbuch für Geschichte und Kunst / Band 37/1985)

Im Herbst 1944, als die militärische Niederlage Hitler-Deutschlands sich abzeichnete, stellten amerikanische Dienststellen eine sogenannte Weiße Liste zusammen, eine Aufzeichnung jener deutschen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, von denen nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staates maßgebliche Mitarbeit bei der demokratischen Erneuerung des politischen Lebens in Deutschland erhofft wurde. Henric Wuermeling hat vor einigen Jahren diese Liste im Nationalarchiv der USA in Washington eingesehen und ein Buch darüber veröffentlicht. Die »Weiße Liste« enthielt eine ganze Reihe von Namen, die nach 1945 in die Geschichte der westdeutschen großen Politik eingingen, so etwa Konrad Adenauer, Kurt Schumacher, Theodor Heuss, Hans Böckler, Fritz Schärfer, Reinhold Maier. In der Liste, die als Information für die amerikanische Besatzungsverwaltung in Deutschland gedacht und die nach Landschaften und Städten geordnet war, findet sich für die Stadt Würzburg folgende Eintragung:
»Weismantel, Dr. Leo, Schriftsteller, 56 Jahre alt, Dichter und Pädagoge ... hat Vertrauen bei der Jugend, ist ein vielgelesener Romanschriftsteller ...«. Und an anderer Stelle der »Weißen Liste« heißt es:
»Weismantel... dürfte als Unterrichts- und Kultusminister geeignet sein.«1 Die politische Karriere, die hier vorgezeichnet war, hat Leo Weismantel nicht gemacht, im Gegenteil, er geriet in den Gründerzeiten der Bundesrepublik zunehmend ins Abseits, seine literarische und pädagogische Arbeit war viele Jahre hindurch nahezu vergessen. Zu Unrecht, so meine ich; es gibt gute Gründe, diese Vergessenheit zu durchbrechen und die Persönlichkeit wie auch das Werk Weismantels wieder in Erinnerung zu bringen.
Leo Weismantel, zu Zeiten der Weimarer Republik im kulturellen Leben weithin bekannt, vielfach gewürdigt, aber oft auch umstritten, nach 1933 in die innere Emigration verdrängt, nach 1945 in eine Außenseiterposition gebracht, - dieser Leo Weismantel war ein Zeitgenosse, der eine ganz ungewöhnliche Fülle poetischer und pädagogischer Ideen und Arbeiten hervorbrachte, der immer wieder Neues begann - und der in den üblichen Rubriken der schriftstellerischen oder kulturell-politischen Szenerie nicht unterzubringen war.2 Schon die biographischen Daten lassen dies erkennen: Weismantel, 1888 in Obersinn in der bayerischen Rhön geboren, als Gymnasiast bei den Augustinern in Münnerstadt, gewann mit einer geographischen Studie über die Haßberge einen wissenschaftlichen Preis der Universität Würzburg, ohne überhaupt das Fach Geographie »ordentlich« studiert zu haben; mit dieser Arbeit wurde er »summa cum laude« zum Dr. phil. promoviert.3 An einer Würzburger Schule unterrichtete Weismantel in den Jahren danach Geschichte und Deutsch; die angesehene katholische Kulturzeitschrift »Hochland« verhalf ihm 1917 zur Veröffentlichung seines ersten Romans, »Mari Madlen«, der zugleich das erste seiner vielen Bücher aus der Rhön ist.4 Als 1919 der Preußische Kultusminister mit einer Pädagogenkonferenz die Reform des Bildungswesens einzuleiten versuchte, war Weismantel dabei und erregte Aufsehen, weil er für eine ganz neue Form der Erwachsenenbildung plädierte und diese an Ort und Stelle gleich ausprobierte. 1920 verlegte Weismantel seinen Wohnsitz nach Marktbreit, verließ den Schuldienst und wurde freischaffender Schriftsteller und Pädagoge. Ein Jahr später trat er mit seinem Bühnenspiel »Totentanz 1921« hervor, das in Nürnberg uraufgeführt wurde; damit setzt er einen Impuls für das »alternative« Theater der Zwanziger Jahre, das von den konventionellen Trennungen zwischen Schauspiel und Publikum wegzukommen suchte und im »Bühnenvolksbund« eine Organisationsform fand. Von 1924 bis 1928 war Weismantel Abgeordneter im Bayerischen Landtag, mit einem Mandat der Christlich-sozialen Reichspartei, die ihr Zentrum in Würzburg hatte und den Anspruch stellte, der Bayerischen Volkspartei eine christlich-radikale Alternative entgegenzusetzen. 1928 gründete Weismantel in Marktbreit die »Schule der Volkschaft«, ein privates - heute würden wir sagen: alternatives Lehr- und Forschungsinstitut der Jugend- und Erwachsenenbildung.5 Dieses Institut wurde zu einem Mittelpunkt der damaligen pädagogischen Reformbewegung; von hier gingen Initiativen für eine neue Kunst- und Spracherziehung und für ein besseres Jugendschrifttum aus, auch für eine auf Verständigung zwischen den Völkern gerichtete Friedenspädagogik. Weismantel publizierte in diesen Jahren vor 1933 unablässig zu reformpädagogischen Themen, schrieb nebenher ein heute noch lesenswertes Jugendbuch, gewissermaßen als Beispiel6; legte Spieltexte für Jugendgruppen vor, gab Werkbücher für Puppen- und Schattenspiele heraus. Aber auch die soziale Notsituation der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit blieb für ihn nicht draußen vor: Im Auftrag des Reichsinnenministeriums betrieb er sozialstrukturelle Forschung in der oberschlesischen Textilregion (woraus später sein sozialhistorisches Buch »Der Webstuhl« entstand); Weismantel verband mit diesen Studien Vorschläge für eine neue Industriepädagogik7. Die Machtergreifung des Nationalsozialismus schnitt all diese Ansätze ab. Weismantel musste sein Institut in Marktbreit schließen; für seine pädagogischen und kulturpolitischen Tätigkeiten blieb kein freier Raum mehr. Er zog sich zurück auf die schriftstellerische Arbeit, veröffentlichte vor allem religiöse Bücher und romanhafte Künstlerbiographien, so über Till Riemenschneider, Veit Stoß, Matthias Grünewald und Albrecht Dürer.
Zweimal wurde Weismantel inhaftiert; 1944 wich er weiterer Bedrängnis durch die Übersiedlung von Würzburg nach Obersinn aus.
Nach dem Ende des Dritten Reiches engagierte sich Weismantel noch einmal in der pädagogischen Praxis, war zeitweise Schulrat für den Kreis Gemünden/Main, übernahm eine Professur am Pädagogischen Institut in Fulda; aber seine Bemühungen und Absichten vertrugen sich nicht mit dem bürokratischen Stil des Wiederaufbaus im Bildungswesen, und der Reformer Weismantel war den Restaurateuren zu unbequem8. Nun begann für Weismantel der bittere Weg von der inneren Emigration in die Isolation, In der Bundesrepublik wurde sein Werk kaum noch beachtet, es erschienen hier nur noch wenige seiner Bücher. Der Verlag der CDU in der DDR hingegen, auf der Suche nach »christlich-humanistischer Tradition«, bemühte sich um Weismantel, und die Pädagogische Fakultät der Ostberliner Humboldt-Universität verlieh ihm die Ehrendoktorwürde.
Dass Leo Weismantel in den fünfziger und sechziger Jahren derart zwischen die politischen und literarischen Fronten geriet, lag nicht nur daran, dass er als Katholik und im Grunde konservativer Mensch gegen die Politik der CDU/CSU auftrat, sich an Protesten gegen die Wiederbewaffnung und die atomare Rüstung beteiligte und zur Verständigung auch mit der DDR und der UDSSR mahnte9.
Hinzu kam: Die literarische und pädagogische Richtung, die sich mit Weismantels Werk verband, lag quer zu den damals in der Bundesrepublik kulturell vorherrschenden Linien. Der Schriftsteller und Erzieher Weismantel passte weder in das Lager der Traditionalisten, noch in das Lager der Progressisten hinein. Was aber war Weismantel dann?
Als vor einigen Jahren Westberliner Kunsterzieher und Wissenschaftler unter dem Titel »Kind und Kunst« eine große Ausstellung zur Geschichte des deutschen Zeichen- und Kunstunterrichts machten, wurde Leo Weismantel als Leitfigur beim Übergang in eine »profaschistische geistige Atmosphäre« dargestellt» als Vertreter einer »biologistischen« und »völkischen« Bewegung, der weltanschaulich dem Nationalsozialismus Zubringer-dienste geleistet habe, wenngleich er dann im Dritten Reich aus christlicher Überzeugung sich gegen den totalitären Staat gestellt habe10. Trifft diese Kennzeichnung den historischen Sachverhalt? War Weismantel einer jener heimattümelnden Intellektuellen, die der nationalsozialistischen Blut-und-Boden-Ideologie den Weg bereiteten?
Will man dieser Frage gründlich nachgehen, so bedarf es des näheren Hinsehens. In den Blick zu nehmen ist hierbei das literarische und pädagogische Werk Weismantels, zugleich aber auch die politische Kultur jener Zeit, in der es entstand und wirksam wurde. Als erstes lässt sich sagen: So wenig man Weismantel gerecht würde, wollte man ihn als »Heimatdichter« klassifizieren, so sehr war doch seine Arbeit von dem Wunsch bestimmt, Heimat als Lebenswelt und soziale Struktur wiederzuentdecken. Wenn heute der Regionalismus modisch geworden ist und auch als literarisch anregend gilt, dann war Leo Weismantel hier sicherlich ein Vorläufer. Gerade die am besten gelungenen Arbeiten im schriftstellerischen Werk Weismantels sind geprägt von der Anschauung und Wahrnehmung seiner heimatlichen Landschaft: der Dörfer in der Rhön, der Städte am Main, ihrer Menschen, ihrer Gewohnheiten, ihrer Geschichte. Schon der Stil, in dem Weismantel in seinen Büchern erzählt, das Ineinander von Traum und Tag, von Legende und Realität, ist ganz offensichtlich angeregt von Kindheitserfahrungen, von dörflichen Spinnstubengeschichten.
In einer seiner Aufzeichnungen beschreibt Weismantel das Leben in seinem Herkunftsort so:
»Da waren die Nachbarhäuser, in denen die Bauern, vornehmlich im Winter, des Abends ihre Spinnstuben noch hielten, in denen die jungen Burschen und Mädchen sich trafen und zuhörten, wie die Alten Gespenstergeschichten erzählten, von Geistern berichteten, die durch die Flur gingen und durch das Jahr. Dort wurde Kindstaufe gefeiert und Hochzeit, von dort her wurden die Toten zu Grabe getragen. Der ganze Kreislauf des bäuerlichen Jahres, das der Saat und der Ernte, das ihrer weltlichen Feste, der Kirchweih und der Fastnacht, - sodann das kirchliche Jahr mit Weihnachten, Ostern und Pfingsten, mit Advent und Fasten, mit Rorate und Kreuzwegandachten, mit der Siegesfeier der Auferstehung und mit der Verkündigung des letzten Gerichts ging durch das Dorf. Viele Male hörte ich als Kind, noch im Bett liegend, wie in aller Morgenfrühe von der nahen Kirche her das Geläute uns weckte; und lief ich ans Fenster, dann sah ich, wie aus der Kirche eine Wallfahrt hervorquoll, durch das Dorf zog und um die Mittagsstunde wieder zurückkehrte ...
In unserer Kammer stand ein Ofen. Im Winter, wenn die nächtliche Dämmerung gegen Morgen ging und die Eltern früh zur Kirche waren, kroch ich aus dem Bett, dann brannte schon das Feuer in dem eisernen Ofen. Ich öffnete die kleine Ofentür, damit der Lichtschein des Feuers heraus auf die Diele des Bodens fiele; dorthin schleppte ich ein großes, altes Legendenbuch, in dem Tag für Tag die Geschichte eines Heiligen geschrieben stand, mit seltsamen Bildern. Noch konnte ich nicht lesen» aber ich wusste' von den Geschichten, die in dem Buche standen. Die Mutter, oder, wenn diese keine Zeit hatte, ihre Schwester hatte mir daraus vorgelesen, und an den Bildern erkannte ich, welche Geschichte auf der einzelnen Seite stand... Meine Kinderfinger liefen über die alten Bilder an den Zeilen hin, als ob ich selbst läse.,. Später noch, als ich schon etliche Jahre älter war, saß ich immer gerne, selbst im Sommer, bei diesem Ofen; dort wurde ich wenig gesehen, und ich konnte still in der Einsamkeit hocken, konnte die Augen schließen, als schliefe ich, und den Geschichten nachsinnen, von denen ich so erfahren hatte oder die mir selbst zukamen.«11
Das Erlebnis der Rhönlandschaft war für Weismantel wie ein Lied, das ihm nie ganz aus dem Sinn kam; in einer seiner Geschichten beschreibt er es so: »Es war wie das leise Anheben des Windes, wenn er kreisend über den Tälern der Rhön anhebt nach einer stillen Winternacht. Immer schneller dreht sich der Wind in einem sausenden Kreisel, wird warm vom Tanz, versengt die Eis-und Schneekuppen, dass sie zerreißen und in Bächen zu Tal stürzen. Dann war es wie das Einziehen eines neuen Frühlings, wenn die Kirschbäume um die Dörfer blühen und die Vögel allesamt wieder heimgekommen sind und der Bauer Korn und Klee in die rissigen Felder sät. Der Sommer mit brennenden Gluten, mit Gewittern, die wie schwarzes Rabenvieh um die Berge fliegen, mit Jauchzern auf den Hochwiesen zur Zeit der Heuernte, wenn die Mäher singen und die Mädchen mit dem Rechen tanzen, sich heimlich zwischen den Heuwagen oder unter ein paar Birken des nahen Moores von ihrem Liebsten küssen lassen - dann der Herbst mit dem Dankfest und den Wallfahrten.
Es klang vom Beten der Weber, die an ihren summenden Stühlen hocken, vom Sinnieren der Holzschnitzer, die Holzschuhe, Rührlöffel und Glücksschwalben drechseln, von der Angst der Holzfäller und Moorbuben, wenn sie in der Dämmerung durch Wald und Heide gehen und seltsamen Frauen mit Spinnwebgesichtern begegnen. Alle Lust und aller Spuk des ganzen Rhöndorfes war in diesem Liede.«12
Das ist schön erzählt; freilich legt sich, wenn man dies hört, der Gedanke nahe, Weismantel könnte das ländliche Leben von einst verschönt und fälschlich als Idyll ausgemalt haben. Liest man aber in die Erzählungen und Romane Weismantels, in seine Rhöndichtungen vor allem, weiter hinein, so zeigt sich: Da wird eine vergangene oder gerade vergehende Welt vergegenwärtigt - aber sie wird nicht glorifiziert, wo sie menschenunwürdige Züge trug; ihre inneren Widersprüche werden nicht verschwiegen; ihre Ärmlichkeiten und Dumpfheiten werden nicht verhüllt. Weismantel kannte sich aus in der Lebenswelt der sogenannten kleinen Leute, er verstand etwas von Soziologie und Sozialgeschichte, und er hat auf seine Weise, nämlich poetisch, den Versuch gemacht, soziale Probleme und sozialen Wandel nachzuzeichnen. Er hat, wenn man es so nennen will, Volkskunde betrieben, und das ist etwas anderes ab völkische Legendenbildung. Die Geschichtswissenschaft, speziell die deutsche, hat sich traditionellerweise, jedenfalls ihrer vorherrschenden Richtung nach, für Haupt- und Staatsaktionen interessiert, für die »großen Männer«, die »Geschichte machen«; sie hat den kleinen Leuten, mit denen Geschichte gemacht wurde und die zumeist Opfer dieser Geschichte wurden, wenig Aufmerksamkeit gegönnt. Der deutschen Wissenschaftskonvention nach galt die Erforschung des Alltagslebens der kleinen Leute als Aufgabe der Volkskunde, und in diesem Begriff lag, wenn er von außen her eingesetzt wurde, nur zu oft die Andeutung einer Minderwertigkeit. Volk - das waren »die da unten«, die eigentlich geschichtslos waren und blieben.
Erst neuerdings hat auch der deutsche Wissenschaftsbetrieb, sei es die Geschichtswissenschaft oder die Soziologie, den Alltag, die Lebenswelten, die kleinen Leute entdeckt, - Volkskunde in diesem Sinne ist heute ein beliebtes Thema. Genau dafür interessierte sich frühzeitig Leo Weismantel, und er verstand davon eine ganze Menge. Seine Rhöndichtungen bieten eine Fundgrube sozialhistorischer Informationen und Anregungen.
Weismantel ging es im Kern nicht um poetische Schilderungen ländlichen oder vorindustriellen Lebens, schon gar nicht um »besonnte Vergangenheit.« Er ging vielmehr als Schriftsteller einer historisch-sozialen Frage nach, nämlich der nach den Risiken des geschichtlichen Weges von der traditionellen zur modernen Gesellschaft. Diese Frage stellte er im Hinblick auf eine bestimmte regionale Kultur, nämlich die des dörflichen Katholizismus in der Rhön; und er stellte die Frage im Hinblick auf eine bestimmte historische Phase; nämlich die des industriellkapitalistischen Zugriffs auf die Dorfkultur. Die Romantrilogie Weismantels über das Rhöndorf »Sparbrot«, in den Jahren 1928 bis 1932 veröffentlicht, umgreift den Zeitraum vom Vormärz bis zu den Folgejahren der Inflation. Gegenstand der Darstellung ist der historische Prozess, der sich Wer vollzog: Der Einbruch einer neuen Produktionsweise auch in den ländlichen Bereich; die Durchsetzung technischer Rationalität; die Auseinandersetzung von wissenschaftlicher und religiöser Weltanschauung; die Durchkapitalisierung des Alltagslebens auch im dörflichen Milieu13.
Weismantel schildert den sozialen Umbruch:
»Das alte Rhöner Jahr zerbrach, das Jahr des Hanfes, mit der hundertfachen Not auf dem Acker, durch alle Instrumente der Röste, der Breche, des Hechelkamms bis zum Spinnrad - all dies, was so dem Jahr seinen sorgenvollen und doch geheiligten Gang gegeben hatte, sank dahin. Der alte Glaube wurde auch erschüttert. Die Fremden, die jetzt ins Tal kamen, spotteten des Aberglaubens, des Glaubens an die 'Hexen', die 'Feuermänner', die 'Gespenster'. All das versank. Aber auch die alten Bräuche des Kirchweihtanzes oder ... dass den Bräuten um die Pfingstzeit eine Ginsterwelle unter die Tür gelegt wurde, dass die Leute an Mariae Himmelfahrt wallfahren gingen in gewaltigen Zügen nach Vierzehnheiligen...; das alles trat ins Verborgene und blieb nur noch in ganz dürren Resten.
Mit einem Mal gewann die 'Wirtschaft', wie man sagte, 'dominierende Bedeutung'. Die alte Katechismusfrage; 'Wozu sind wir auf Erden? Um Gott zu erkennen, ihn zu lieben, ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen' rückte aus der Sinngebung des Lebens hinweg, in die Religionsstunde oder in die Katechismuslehre des Sonntagnachmittags.
Den Leuten von Sparbrot war das alte Jahr zerbrochen. Noch war es da, aber es erfüllte nicht mehr ihr Leben. Sie gingen in die Kirche und feierten deren Feste, wie der Kalender sie aufwies. Aber ihre Geschäfte besaßen ihr Herz, so dass sie in ihrem Denken und Trachten zwiespältig und in ihrem Gewissen bedrückt wurden ... Das neue Volk hatte keinen Sinn für all das, was ehedem den Alten von Sparbrot wertvoll und kostbar gewesen war. Die Sparbroter Frauen und Mädchen begannen sich der alten Gewänder zu schämen. In den Gassen spielten nun die Kinder mit Bänderhauben und verbeulten Schoppelkronen; die ehrwürdigen Hochzeitssträuße aus ewigen Blumen, welche die Alten auf ihren Gesangbüchern getragen und in ihren ererbten Truhen aufbewahrt hatten, flogen nun im Hofe herum und unachtsame Füße traten sie in den Schmutz. So ging es mit den alten Sitten und Bräuchen von Sparbrot; sie fielen in Verachtung und wurden beiseite geworfen.«14
Eine der Romanfiguren in der Rhöndichtung Weismantels bringt die Anklage gegen den Industrialismus und seine Träger in den knappen Satz: »Ihr fresst den Wald, Ihr fresst das Dorf, Ihr fresst unseren Glauben.« Der Bruch mit dem »alten Jahr« - das ist für Weismantel die historische Ablösung einer dörflichen Lebensweise, die über Jahrhunderte hin tradiert war, in der materielle Reproduktion und sinnenhafter Volksglaube miteinander verwoben waren, in der Natur, Arbeit und Religion den Alltag gleichermaßen ordneten. Nun zieht sich eine solche Kritik des sozialen Wandels, wie Weismantel sie vorgelegt hat, leicht den Vorwurf zu, es handele sich um eine romantisierende Verklärung vorindustrieller Verhältnisse, um eine reaktionäre Sichtweise industriegesellschaftlicher Zivilisation. Dieser Vorwurf muss, so denke ich, ernsthaft geprüft werden, nicht zuletzt deshalb, weil der weltanschauliche Weg in den Nationalsozialismus vorbereitet wurde durch antiindustrielle Rückwärtsbegeisterung, durch eine Zivilisationskritik, die der - wie es damals hieß: - städtisch-industriellen »Entartung« das Bild vom gesunden ländlichen Leben, von Blut und Boden, entgegenhielt. Wie verhält sich dazu Weismantels Werk?
Zunächst ist festzustellen, dass die historisch-gesellschaftlichen Auffassungen Weismantels ganz ohne Zweifel im ideengeschichtlichen Terrain des konservativen Denkens angesiedelt waren. »Konservativ« hier nicht im Sinne einer Besitzstandswahrung materieller Güter oder gesellschaftlicher Herrschaftspositionen gemeint, sondern als radikale Zeitkritik, die sich an überlieferten Werten orientiert, die ein historisch erprobtes soziales und moralisches Gefüge nicht einem bewusstlosen Fortschritt opfern will. In diesem Verständnis war Weismantel ein konservativer Mann, unbeschadet der Kontakte und der Kooperation, die er mit Menschen und Gruppen der politischen Linken suchte und praktizierte.
Ganz gewiss ist das poetische und pädagogische Wirken Weismantels im Zusammenhang eines konservativen Protestpotentials gegen die industriell-technische und rationalistische Moderne zu sehen, einer Strömung, die seit der Jahrhundertwende in der Jugendbewegung, in der Lebensreformbewegung und in der Heimatbewegung Ausdruck fand.
Nicht von ungefähr war es gerade die Jugendbewegung, von der sich Weismantel und die sich von Weismantel anregen ließ. Die Verbindungen Weismantels zu den jungkatholischen Quickboraern und Jungbornern, die ihren Mittelpunkt auf der unterfränkischen Burg Rothenfels hatten, ist nur ein Zeichen für den Kontext, in dem Weismantel dachte und schrieb; als Dichter der Jugendbewegung ist er in den Zwanziger Jahren vielfach verstanden und damit keineswegs missverstanden worden15. Die gesellschaftspolitischen Grundideen der Jugendbewegung, der Lebensreformbewegung, der konservativen Modernismuskritik überhaupt waren aber keineswegs einheitlich, im Gegenteil:, zum Teil enthielten sie durchaus konträre Standpunkte. Sich heute damit auseinanderzusetzen, dürfte interessant und auch notwendig sein, denn Protesthaltungen, von denen diese Bewegungen im ersten Drittel unseres Jahrhunderts ausgingen, haben gegenwärtig eine Wiederbelebung erfahren, in vielerlei Varianten. Die ökologische Bewegung ist nur eine davon, und es geht bei alledem keineswegs nur um den Naturschutz, sondern es geht um Lebensentwürfe, um Gesellschaftskonzepte.
Der industriell-technische Fortschrittsglaube, auf den die einstige Jugend- und Lebensreformbewegung sich nicht einlassen wollte, ist heute im weitaus größerem Maße erschüttert als damals. Viele der Argumente, die in den Zwanziger Jahren etwa ein Mann wie Weismantel vorgebracht hat, sind heute, wenn auch in anderer Sprache» allenthalben zu hören; viele der Warnungen, die damals bei Weismantel zu finden waren, sind durch die reale Entwicklung auf schlimme Weise bestätigt. Der rücksichtslose und ungehemmte Zugriff des Industriesystems auf die natürliche Umweh des Menschen hat sich als katastrophenhaltig erwiesen. Der Bruch mit den traditionellen sozialen Ordnungen hat Verunsicherungen freigesetzt, in deren Konsequenz nur zu oft nicht Aufklärung, sondern eher äußerste Unvernunft lag - und weiter liegen kann. Die Suche nach »Nestwärme in erkalteter Zeit«, wie Gerd-Klaus Kaltenbrunnner sie genannt hat, treibt um und zeitigt unterschiedliche» mitunter höchst fragwürdige Folgen,
Insofern sind die Probleme, von denen der Schriftsteller und Erzieher Weismantel ausging, heute wieder auf die gesellschaftliche und intellektuelle Tagesordnung gesetzt; erneut steht zur Frage, aufweiche Leitbilder eine Protesthaltung gegen den Industrialismus hinauslaufen mag.
Es stehen hier, knapp umrissen, zwei Entwürfe gegeneinander: Auf der einen Seite die Sehn-Sucht nach einer sozialen Ordnung, die alle Errungenschaften der Aufklärung, des Rationalismus, des Strebens nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit beiseite lässt, die auf vermeintliche Naturgesetze menschlicher Gesellung im Sinne des Rechts des Stärkeren zurückgreifen will. Eine politische Philosophie dieses Zuschnitts geht von der Zivilisationskritik aus und endet im Sozialdarwinismus; sie sagt Nein zu allen Universalismen, seien diese christlicher oder humanistischer oder sozialistischer Herkunft,
»Alternativen zum Prinzip der Gleichheit« - dieser derzeit wieder gängig gewordene Begriff deutet die Grundsubstanz eine solchen Denkens an. Im Nationalsozialismus fand dies eine Ausformung, aber nicht die einzige mögliche; heute tritt es in neuen Varianten auf.
Dieser Richtung eines vorgeblich konservativen Denkens ist Leo Weismantel in gar keiner Weise zuzuordnen. Mit dem nationalsozialistischen Germanenkult, mit dem faschistischen Machtwahn, mit »Stahlgewittern« oder mit »Blut und Boden« hatte er nichts im Sinne -, auch wenn er von Volkstum und Volksgemeinschaft schrieb und sprach.
Weismantel verkörperte eine ganz andere Richtung konservativen Denkens; deren Unvereinbarkeit mit nationalsozialistischer oder faschistischer Weltanschauung lag in folgendem begründet:
Weismantel war frommer Katholik, wenngleich er vor der Kritik der Amtskirche keineswegs zurückschreckte. Er dachte in der universalen Tradition des Katholizismus, in der Überlieferung religiös begründeter Gleichheitsrechte aller Menschen. Es ging ihm um die Bewahrung jener Elemente der religiösen Volkskultur, in denen Aufforderungen der Bergpredigt überliefert wurden.
Weismantel dachte nicht im Modell einer elitären Herrschaftsordnung, nicht in den Bildern vom »Übermenschen« (denen dann die anderen, die »Untermenschen« zu unterwerfen sind). Er ging vielmehr aus von den egalitären Lebensrechten aller Menschen, aller Völker oder Nationen; seine Sympathie galt den kleinen Leuten, den Betrogenen, Erniedrigten, Entrechteten. Es ist bezeichnend» dass Weismantel, als er sich zeitweise auf die Bühne der Politik begab, eine kleine christlich-radikale Partei vertrat, die den Interessen der verarmten Kleinbauern, der Landarbeiter und Industriearbeiter Ausdruck zu verschaffen suchte. Es mag dahingestellt bleiben, ob die politischen Wege, die Weismantel ging, realistische Perspektiven hatten; es geht hier um die Feststellung, dass sie jedenfalls nicht in den Vorraum des Nationalsozialismus führten. WeismanteI war kein »Präfaschist«, kein »Profaschist«.
Am Rande sei erwähnt: 1935 und 1936 erschienen unter den Titeln »Vom Main zur Donau« und »Stille Winkel in Franken« zwei Fotobücher, herausgegeben und eingeleitet von Leo Weismantel. Bilder und Texte dieser Bände waren völlig unverändert auch heute vorlegbar; es findet sich darin, was sonst damals durchweg üblich, keinerlei Konzession an den völkischen Schwulst der Hitler-Zeit. Weismantel malte das Bild einer stillen fränkischen Heimat aus, in klarer Distanz zur nationalsozialistischen Volkstümelei. Er beschloß die Einleitung zu einem der Bücher mit den folgenden» damals gut verstehbaren Zeilen: »Üb immer Treu und Redlichkeit, bis an dein kühles Grab. Und weiche keinen Finger breit von Gottes Wege ab. Das ist der Glaube des Volkes16.« Als der Krieg 1945 zu Ende gegangen war, hat Leo Weismantel eine »Totenklage« über die zerstörte Stadt Würzburg geschrieben. Dieser Text ist nicht nur eine Klage über das Dahinsinken der von ihm so geliebten Stadt, nicht nur eine einprägsame Skizze ihrer Geschichte, ihrer Menschen, sondern auch ein Versuch, sich Rechenschaft darüber zu geben, weshalb der äußeren Zerstörung der innere Verfall der Heimat vorausging. Weismantel hatte keinen Zweifel daran, dass auch die politische Kultur des Katholizismus in Deutschland vor dem andrängenden Nationalsozialismus versagt hatte - und er schloss sich selbst in diesen Vorwurf ein. Für ihn, der nicht theologisch, sondern fromm dachte, war der Untergang Deutschlands ein Gericht Gottes. In der »Totenklage« schrieb Weismantel;
»Ihr Freunde, Fremde, Völker aller Zonen - lasst uns zum ersten gedenken der Toten, der Ermordeten und Erschlagenen dieser Stadt, der Verwundeten und Beraubten, der Entwurzelten und Zerstreuten in alle vier Winde, - ihrer lasst uns gedenken. Gott geb ihnen Frieden... Lasst uns zum zweiten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen all jene, die in Schuld verstrickt, durch Taten der Bosheit das Gericht heraufbeschworen und jene auch, die es vollzogen haben.
Schenke ihnen, Allgewaltiger, Blindheit der Augen und Taubheit der Ohren, dass sie nimmer schauen und hören, was sie getan, wie fände ihre Seele sonst noch eine ruhige Stunde. Erbarme Dich ihrer ... Lasst uns zum dritten die gegenwärtigen und die zukünftigen Geschlechter ermahnen: dass sie abschwören allen Taten der Gewalt und der Kriege ,..«17
Im Jahre 1946, noch als Schulrat im Kreis Gemünden, schrieb Weismantel einen kritischen Bericht über den Wiederaufbau des Bildungswesens, schon bestimmt durch Zorn darüber, dass die erhoffte gesellschaftliche Erneuerung an Haupt und Gliedern nicht zustande kommen wollte. Er spürte in diesem Text aus der Sicht eines kritischen Konservativen den Gründen für die deutsche Katastrophe nach. Es heißt dort unter anderem:
»Es lag doch dem 'Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation' letzten Endes eine Idee der abendländischen Christenheit, eine kosmopolitische Idee zugrunde. Durch den Preußengeist in den letzten 200 Jahren wurde diese Idee zu Fall gebracht und durch den materiellen Nationalsozialismus ersetzt, der den 'Idealismus' als Maskenschild vor sich hertrug, hinter dem Militarismus und politische Diktatur ihren satanischen Vormarsch antragen. Man kann Hitler und seine dämonische Europa- und Weltpolitik, welche das deutsche Volk und ganz Europa und die Welt in den Abgrund führte, nur als Frucht dieser deutschen und europäischen Fehlentwicklung sehen. Man wird, will man die Wiederholung der Katastrophe, ja ihre Ausweitung ins Unermessliche verhindern, jenem Geist, der dies verschuldet hat, restlos entsagen ,.. müssen.«18
Der moralische Rigorismus, mit dem Weismantel in den Jahren danach politisch Stellung bezog und der ihn innerhalb des christlich-konservativen Milieus immer mehr isolierte, findet hier seine Erklärung:
Weismantel hatte erhofft, dass sich aus dem unermesslichen Leid des Zweiten Weltkrieges eine radikale Umkehr, eine Abwendung von jeglicher Machtpolitik ergeben werde; den Christen maß er hierbei die größte Verantwortung zu.
Dem nüchternen, analysierenden politisch-geschichtlichen Blick muss eine solche Hoffnung als vermessen erscheinen; aber Weismantel dachte nicht im historischen Kalkül, Traum und Tag flössen auch hier für ihn ineinander. Eben darin lag übrigens seine pädagogische Produktivität. Um noch einmal in die Jahre seines öffentlichen Wirkens zu Zeiten der Weimarer Republik zurückzusenden:
Weismantel war ein leidenschaftlicher Kritiker jener Formen von Bildung, die das Lernen vom Leben trennen. Viele seiner damaligen Argumente sind heute noch aktuell; viele seiner alternativen pädagogischen Versuche sind heute noch beispielhaft. Weismantel plädierte für eine »Schule der Lebensalter«, das heißt für ein Bildungssystem, das in seinen Altersstufen auf die jeweiligen Erfahrungen in Arbeits- und Lebenszusammenhängen eingerichtet sein und dessen Zentrum die Erwachsenenbildung darstellen sollte. Er kritisierte den herkömmlichen Begriff von Begabung. Dafür ein Beispiel aus einer Weismantel-Schrift aus dem Jahre 1928:
»Das Entsetzen der Entdeckung bricht über uns herein: wir erleben den Zusammenbruch alter Ordnungen der 'Begabung'. Das 'normale Kind', das 'gut begabte', wird uns zum Gespenst, Der 'Musterschüler', der brave, der auf der Schulbank sein Pensum lernt, als sei das lobenswertes Leben, wird uns unsympathisch; wir entdecken, dass es köstlichere Geschöpfe auf der Erde gibt als Musterschüler, und dass dies Köstlichere bisher vielleicht als untauglich und verworfen galt. Der 'schwer zu Erziehende' wird uns interessant.., Wir legen die Kritzelzeichnungen unserer Kinder neben die vollendetsten Werke... und die Bilder der 'Verrückten'.., halten wir erstaunt neben die Meisterwerke der Jahrhunderte. Wir werden eines gemeinsamen geistigen Schicksals aller Menschen gewahr, und es fangt in uns an, dass wir eine Verantwortung fühlen für alles Leben dieser Erde, für den Krüppel nicht minder als für den Sohn, der 'die Hoffnung seiner Eltern' ist Ja, wir entdecken, dass zuweilen aus dem Krüppel das Köstlichere und Unerhörteste geholt werden kann und dass die Mauern, die die Menschen einmal einteilten in Ghettos und freie Stadt, in Zuchthäuser und Villen der Reichen, dass all diese Mauern einen falschen Anstrich haben.«19
Zeit seines Lebens ging der Pädagoge Weismantel im Sinne dieses von ihm herangezogenen Bildes gegen Verhältnisse im Bildungssystem an, die einen »falschen Anstrich« hatten, das heißt: deren Anspruch einer lebenspraktischen Überprüfung nicht standhielt. Er war ein Konservativer ohne jeden Respekt vor herrschenden wissenschaftlichen Lehren oder vor etablierten Strukturen und Amtsinhabern. Die beste Zeit war für ihn wohl die, als er im Gleichklang lebte und arbeitete mit den bewegten Gruppen einer neuen Generation katholischer Jugend, nach dem Ersten Weltkrieg. Als der Zweite Weltkrieg vorüber war, hat ein Weggenosse Weismantels, Pfarrer Alfons Linz, über diese Zeit erzählt:
»Mit Leo Weismantel bin ich zum ersten Mal vor 25 Jahren auf Burg Rothenfels zusammengetroffen. Damals ... stand die Jugendbewegung in ihrer Hochblüte. Sie war .., eine Revolution, die aus der großen Not junger Herzen geboren wurde. Die hellsichtige Jugend spürte damals wie selten in der Geschichte, dass sie in einer Welt des Scheines und der Lüge aufgewachsen war. Sie spürte, dass der sogenannte deutsche Idealismus, der in Größe, Macht und Geltung, letztlich in äußeren Gütern sein Ziel gesehen haue, zusammengebrochen war. Die Jugend schaute sehnsüchtig aus nach dem Sinn des Lebens; sinnlos erschien ihr dieses Vergangene. Und sie zog auf Entdeckungen aus, suchend nach der 'blauen Blume', aber auch nach dem 'Neuland der Tat' ... Auf Rothenfels war damals eine solche suchende und revolutionsfähige Jugend versammelt. Sie hatte Leo Weismantel zu sich gerufen, sein Stück 'Totentanz 1921' war erschienen und hatte diese Jugend erschüttert. Sie hörte daraus Anrufe zum Sprung in ein neues Leben, die sie leidenschaftlich packten.«20
Jugendbewegung verstand sich als »Aufbruch des Geistes«, sie hoffte auf eine »Kulturerneuerung«.
Was damals die Jugendbewegung, - was mit ihr verbundene Pädagogen, Literaten und Philosophen in Gang zu setzen versuchten, blieb nicht ohne Erfolge. Kirchen, Schulen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung ziehen heute noch inneren Gewinn aus den Impulsen der Reformbewegung der Zwanziger Jahre. Die Erneuerung einer ganzen Kultur freilich gelang nicht, konnte auch so nicht gelingen; und die Ära des Dritten Reiches schnitt viele der Reformentwicklungen wieder ab, missbrauchte und diskreditierte aber auch Ideen der Jugendbewegung, ihre Suche nach einer neuen Heimat- und Volksverbundenheit. Die »Revolutionsfahigkeit« lag bei anderen Gruppen und Interessen der deutschen Gesellschaft, und nach der Erfahrung des Nationalsozialismus kann gewiss von der »Blauen Blume« oder dem »Neuland der Tat« nicht mehr so gesprochen, gedacht oder gefühlt werden, wie das in den Zwanziger Jahren noch möglich war. So ist es auch mit dem literarischen und pädagogischen Werk Leo Weismantels. Vieles daraus ist historisch überholt, ist heute nicht mehr nachvollziehbar oder ist heute anders und kritischer zu lesen als zu Zeiten der Entstehung der Weismantel'-schen Arbeiten. Aber unter den Büchern und Schriften Weismantels sind auch solche, die nicht nur historisches Interesse verdienen. Gerade die literarischen Arbeiten Weismantels, die eine poetische Volkskunde vermitteln, die über das Schicksal der kleinen Leute im geschichtlichen Prozess der Industrialisierung berichten, sind nicht veraltet; und über die Vergangenheit in den Dörfern der Rhön kann man auch heute noch bei Weismantel den besten Bericht erhalten, - wenn man die längst vergriffenen Bücher irgendwo aufzutreiben vermag. Es wäre zu wünschen, dass sich ein fränkischer Verlag findet, der diese Erzählungen aus der sozialen Geschichte einer fränkischen Region wieder zugänglich macht.
Zu wünschen wäre ferner, dass der Schriftsteller und Erzieher Leo Weismantel aus der Vergessenheit herausgeholt wird, in die er weithin schon geraten war, bevor er am 16. September 1964 starb21. Er war und ist zu Unrecht vergessen worden, - dieses Ergebnis ist eindeutig, wenn man die Persönlichkeit und die Arbeit Weismantels zur Kenntnis nimmt.
In Franken war Leo Weismantel zu Haus. Es ist an der Zeit, dass der Erinnerung an ihn hier wieder eine Heimat gegeben wird. Einige Ansätze dazu sind gemacht.


1Siehe Henric L. Wuermeling: Die Weiße Liste. Umbruch der politischen Kultur in Deutschland 1945; Berlin 1981, S. 290, 296.
2Einen guten Einblick in die literarischen und pädagogischen Tätigkeiten Weismantels bis in die erste Zeit nach 1945 gibt der Sammelband: Leo Weismantel - Leben und Werk, Ein Buch des Dankes zu des Dichters 60. Geburtstag; Berlin 1948. Vgl. darin insbesondere den Bericht von Joset Wittig.
3Leo Weismantel: Die Haßberge. Landesnatur, Bevölkerung und Wirtschaftskultur; Würzburg 1914.
4Leo Weismantel: Mari Madlen. Ein Roman aus der Rhön; Kempten 1918 und 1921; Vorabdruck 1917/1918 in der Zeitschrift »Hochland«.
5Siehe dazu Leo Weismantel: Die Schule der Volkschaft; Frankfurt 1925 (in der Schriftenreihe der Rhein-Mainischen Volkszeitung erschienen). Hinzuweisen ist hier auch auf die Mitarbeit Weismantels im Patmos-Bund, zu dem auch Eugen Rosenstock, Franz Rosenzweig, Hans und Rudolf Ehrenberg und Werner Picht gehörten. Dieser Bund gab wichtige Impulse für eine Erneuerung der Volksbildung; Weismantel gründete in diesem Zusammenhang in Würzburg den Patmos-Verlag, der später teilweise in den Verlag des Bühnenvolksbundes überging. Weismantel wirkte ferner maßgeblich in der deutschen Sektion des »Weltbundes für Erneuerung der Erziehung« mit und bemühte sich um Reformen der Sprach- und Kunsterziehung. Siehe dazu Leo Weismantel: Der Geist als Sprache; Augsburg 1927. Derselbe: Vom Willen deutscher Kunsterziehung; Augsburg 1930.
6Leo Weismantel: Nepomuk, die Räuberbande und das Fähnlein der Käuze; Köln 1932.
7Siehe dazu Weismantels Denkschrift: Bildungsnot und Bildungswege des Industrievolks, Manuskr. 1931. Literarische Umsetzungen dieser Untersuchung finden sich in Leo Weismantel:Der Webstuhl. Von Bauern, Webern, Fabriklern und ihrer Not; Nürnberg 1949.
8Zu den schulpolitischen Kontroversen um Weismantel in Bayern vgl. den Leitartikel zum »Fall Weismantel« in »Die Neue Zeitung«, München, 21.2.1947.
9Viele politische Verhaltensweisen Weismantels in den 50'er und 60'er Jahren, insbesondere seine enge Zusammenarbeit mit kommunistischen oder von der DDR-Pohtik geprägten Initiativen, mussten den meisten seiner früheren Leser und Weggefährten verständlicherweise als »biographischer Bruch« erscheinen, und zweifellos ließ sich Weismantel hier auch durch die Verbitterung über die »Restauration « so sehr leiten, dass sein Profil sich verwischte und er sich selbst um manche Wirkungsmöglichkeit brachte. Aber es war auch dann, bei den zuweilen »maßlosen Vorwürfen«, die Weismantel seinem Herkunftsmilieu machte, »kaum zu überhören, dass hier eine Liebe sprach, die sich wohl verkannt, verletzt, manchmal verfolgt glaubte, die aber dennoch Liebe blieb« - so Max Rößler in einem Nachruf auf Weismantel im Fränkischen Hauskalender, Würzburg 1966.
10Siehe Diethart Kerbs u. Eckhan Siepmann: Katalog zur Ausstellung »Kind und Kunst«; Berlin 1976, S. 152 f. Kritisch dazu Peter Rech: Materialien zur politischen Einschätzung Leo Weismantels; unveröfftl. Manuskript.
11Leo Weismantel: In dem Rhöndorf Obersinn - Haus Nr. 71; in: Lied aus der Rhön - ein Leo Weismantel - Lesebuch für die Jugend, Hg. Werner Weismantel; Kempten 1947, S. 16f., S. 19f.
12Leo Weismantel: Musikanten und Wallfahrer; Freiburg 1923, S. 46f.
13Die Rhön-Romantrilogie Weismantels: Bd. 1: Das Alte Dorf. Die Geschichte seines Jahres und der Menschen, die in ihm gelebt haben; Berlin 1928, Nürnberg 1933. Bd. 2: Das Sterben in den Gassen. Wie unsere Väter starben und alles, was ihr Eigen war, zugrunde ging; Nürnberg 1933. Bd. 3: Die Geschichte des Hauses Herkommer. Wie auch die Söhne starben und verdarben; Nürnberg 1932. Neu strukturiert, erschienen diese Arbeiten zum Teil noch einmal unter den Titeln: Das Jahr von Sparbrot; Die Leute von Sparbrot; Tertullian Wolf - Die Geschichte eines Träumers; sämtlich Wien 1941,
Weitere Rhöndichtungen Weismantels: Das unheilige Haus (Roman); München 1922, Nürnberg 1934, München 1954. Der Gangolfsbrunnen; Nürnberg 1920 (unter dem Titel: Die Hexe; Kempten 1923). Der gusseiserne Leuchter; München 1923. Musikanten und Wallfahrer; Freiburg 1923 (darin u. a. die Erzählung: Fürstbischof Hermanns Zug in die Rhön, neugedruckt Nürnberg 1978). Die Klause von Niklashausen. Rhöner Kalendergeschichten; Saarlouis 1919. Die Geschichte des Richters von Orb; Freiburg 1927 (Neuauflage Bad Orb 1979). Der närrische Freier; Freiburg 1924. Das Perlenwunder; Essen 1920.
14Leo Weismantel: Jahre des Werdens; Berlin 1940, S. 33; derselbe: Das Sterben in den Gassen, a.a.O., S. 457.
15Zur Rezeption Weismantels in der Jugendbewegung siehe das Leo-Weismantel-Heft der Zeitschrift »Die junge Schar«, Würzburg, 7. Jg. 1930, Heft 7. Einen anschaulichen Bericht über seine Zusammenarbeit mit der Würzburger Gruppe des Jugendbundes Quickborn gibt Leo Weismantel in der Einleitung seines Spiels »Die Wallfahrt nach Bethlehem«; Berlin 1923.
16Leo Weismantel: Vom Main zur Donau; Bielefeld und Leipzig 1935, S. 10.
17Leo Weismantel: Totenklage über eine Stadt; geschrieben 1947, zuerst veröffentlicht in dem Sammelband; Leo Weismantel - Leben und Werk; a.a.O., S. 67ff., in einem um Augenzeugenberichte ergänzten Neudruck Würzburg 1985.
18Leo Weismantel: Bericht über die Lage des Schulaufbaus im Bezirk Gemünden am Main wie in Bayern; unveröffentl. Manuskript 1946, zum Teil abgedruckt in: Leo Weismantel: Menschenbildung an der Zeitenwende; Berlin 1970, S. 96 f.
19Leo Weismantel: Die Schule der Lebensalter; Augsburg 1928, S. 25 f.
20Alfons Linz in: Leo Weismantel - Leben und Werk; a.a.O., S. 121
21Um die - keineswegs unkritische - Aufarbeitung und Vergegenwärtigung des Werkes von Weismantel bemüht sich im Wege von Tagungen, Lesungen und Neudrucken die Leo Weismantel-Gesellschaft (Adresse; Gutenbergstr. 16, 6104 Seeheim-Jugenheim).


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