Fotovorschau und Logo ausblenden
Quick-Navigator:
Suche:
Sie sind hier: Fellen » Kommunalpolitik » 21. Januar 2020 » Natur pur im Sinngrund » Hägstall 

Hägstall


Im Jahre 1927 entdeckte Professor Wienkoop aus Darmstadt auf einer Wanderung durch den Spessart dieses herrliche Fleckchen Erde für sein geplantes Projekt, ein Dorf für die Resozialisierung von entlassenen Strafgefangenen zu bauen. Der der Sonne zugewandte Hang und eine vorhandene Quelle boten ideale Bedingungen. Das geplante Dorf nannte er nach der Waldabteilung Hägstall. Dem Namen liegen die althochdeutschen Wörter Hag und Stal zugrunde. Während Hag soviel wie Gehege oder umfriedeter Wald bedeutet, so heißt Stal Standort oder Stelle. Dort brachten die Hirten aus dem Fellener Grund während der Waldweide ihr Vieh unter, um nicht den weiten Weg in das Dorf machen zu müssen.
Bis zum 30jährigen Krieg bestand hier bereits schon einmal eine Ortschaft, das Dorf Hesselbronn (oder auch Haselbrunn). Es gehörte zunächst zur Grafschaft Rieneck, später lange Zeit denen von Hutten und war nach dem großen Krieg entvölkert und wurde in der Folgezeit nicht wieder besiedelt.

Professor Wienkoop gewann Marie Langermann und ihren Freund Wilhelm Schmitt für seine Idee. Zusammen warben sie für ihr Projekt und suchten per Zeitungsinserat nach weiteren Mitarbeitern. Felix Muschalek, der gerade seine Heimat verloren hatte, weil sie an Polen abgetreten werden musste, und arbeitslos geworden war, meldete sich auf diese Anzeige, ohne zu ahnen, dass er für den Rest seines Lebens hier eine Heimat finden würde. Ohne eine Bezahlung zu fordern, nur für Kost und Logis, arbeitete er begeistert mit.

Zunächst wurde der mit Ginster bewachsene Hang gerodet und mit Steinen die Fundamente für die ersten Blockhäuser geschaffen. Geplant war ein Gemeinschaftshaus, Werkstätten und die dazu nötigen Wohnhäuser. Mühsam musste das Holz dafür mitten im Winter mit einem Handschlitten in ein Sägewerk nach Burgsinn zum Hobeln gezogen werden. Nachdem die ersten Häuser standen, suchte man nach Möglichkeiten das Vorhaben wirtschaftlich auf eigene Füße zu stellen. So pflanzte man 1929 Maulbeeren und begann mit der Zucht von Seidenraupen. Doch bald stellte sich heraus, dass damit kein Geld zu verdienen war. Auch eine Hühnerfarm und eine Erdbeerplantage brachten nicht den gewünschten Erfolg.

1931 trafen die ersten Strafgefangenen ein. Sie sollten hier die Möglichkeit haben, zusammen mit ihren Familien zu wohnen und einer sinnvollen Arbeit nachzugehen. Unterstützt wurde das Unternehmen durch einen Neuhöfer und Rengersbrunner Verein und einem Freundeskreis aus Darmstadt. Doch der Beginn des "1000jährigen Reiches" war gleichzeitig das Ende des Projektes. Die Nationalsozialisten hatten andere Pläne für Strafgefangene. Nach der Auflösung verkaufte der Leiter des Forstamtes Ruppertshütten 1934 die Pachtfläche an die Betreiber, um sie nicht heimatlos zu machen. Nach dem zweiten Weltkrieg stellte man das größte der Holzhäuser einer heimatlos gewordenen kinderreichen Familie zur Verfügung. 1956 kauften sich ein Holzhändler und ein Bauunternehmer ein, um sich hier ihre Wochenendhäuser zu bauen. Sogar ein Tennisplatz, damals der einzige im ganzen Landkreis, und ein kleiner See zum Baden und Bootsfahren wurden angelegt.
Bis zu seinem Tode bewohnte nach Mitbegründer Wilhelm Schmitt eines der Holzhäuser und verdiente sich als Kunstmaler und Bienenzüchter seinen Lebensunterhalt. Felix Muschalek, der 1996 verstarb, widmete sich in seinem Alter der Bildhauerei und lebte vom Verkauf seiner Werke. Heute verfügen die Bewohner über alle Annehmlichkeiten der Zivilisation. Die Siedlung ist voll mit Wasser, Strom und Telefon erschlossen. Früher musste man das Wasser, bis zu 200 Eimer am Tag, mühsam von der Quelle den Hang herauf tragen, erinnerte sich Frau Muschalek, die Witwe von Felix Muschalek.
Der Badesee dient heute der Zucht von Forellen und das Mähen erspart in der großräumigen Anlage ein Rudel Damhirsche.



Ursprünglich für Heimatlose und Entwurzelte geplant, ist der Hägstall heute ein Zufluchtsort für gestresste Stadtmenschen geworden. Aus der Vogelperspektive kann man erahnen warum (fotografiert am 21. April 2007).


nach oben  nach oben
www.msp-info.de www.kommune-aktiv.de

Verwaltungsgemeinschaft Burgsinn
Burgweg 1 | 97775 Burgsinn | Tel.: 09356 9910-0 | info@vgem-burgsinn.de
  OK  
Cookies ermöglichen eine bestmögliche Bereitstellung unserer Dienste. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung